Schwarz-Grün: Koalition der Winner

Die Österreicher halten sich für tüchtig und naturverbunden. ÖVP und Grüne verkörpern beides. Die ÖVP am Land, in Dörfern und Kleinstädten, strukturkonservativ, trachtig und wirtschaftsliberal, die Grünen in den größeren Städten, naturromantisch, weltoffen-linksliberal. Grün und ÖVP wählt, wer sich um Dinge sorgen kann, die jenseits des eigenen wirtschaftlichen Überlebens stehen. Zum Beispiel: Leistung, regionales Essen, soziale Distinktion.
Schwarz oder grün wählt, wer sich für bürgerlich, also nicht für einen Proleten hält. In diesem Sinne sind sowohl ÖVP als auch Grüne Parteien der gesellschaftlichen Gewinner.

„Schwarz oder grün wählt, wer sich für bürgerlich, also nicht für einen Proleten hält.“

Privilegien als natürliche Ordnung

Weil Winner dazu neigen, aus dieser Überlegenheit eine gerechte, moralisch einwandfreie Ordnung abzuleiten, haben auch ÖVP und Grüne ihre Strategien und Rechtfertigungen.
Bei der ÖVP fußt die Logik der eigenen Überlegenheit auf monetärem Kapital: Gut ist wer Erfolg hat, also tüchtig ist (oder immerhin tüchtige Vorfahren hat), wer sich selbst, Frau und Kinder im Griff hat, oder, andersherum, wer seinem Mann keine Probleme macht. Gut ist also: Erfolg und gehorsam.

Schreibtisch
Klassischer ÖVP-Wähler-Schreibtisch: Tageszeitung Die Presse, Burgtheater-Programm, Bibel, Krawatte wegen Leistungsträger-Job. Höher, schneller, weiter!

Bei den Grünen ist die Sache weniger greifbar und orientiert sich nicht so stark an Geld oder formalem Erfolg, sondern am moralischen Handeln. Gut ist wer gebildet ist, sich für andere Kulturen interessiert, biologisch einkauft, Fahrrad fährt, Einweggläser verwendet, freundlich zu Minderheiten ist, seine Kinder nicht schlägt und fähig ist, zu diskutieren ­- immerhin haben die Grünen eine basisdemokratische Tradition der Entscheidungsfindung. Gut ist also: Wer einige symbolische Regeln beachtet und nicht negativ auffällt. Es ist kein rigider, eindeutiger Gehorsam wie jener der ÖVP, sondern einer, der sich aus vielen Gesten ergibt.

Tisch mit Büchern und Notizheft
Klassischer Grün-Wählerinnen-Tisch: Weitgereister Bio-Quinoa, hippes vegetarisches Kochbuch, Falter, Notizheft in skandinavischem Design. Echt hygge!

Ideologisch flexibel

Eine schwarz-grüne Koalition hätte Vorteile für beide Parteien. Die ÖVP könnte, unter der Voraussetzung, dass sie sich auch ein bisschen der Umweltpolitik widmet, ihren gewohnten Kurs fahren. Fallweise würden die Grünen, vor allem jene aus Wien, nach sozialer Gerechtigkeit rufen. Die ÖVP müsste hier beschwichtigen, doch das kann sie, dank ihrer katholischen Tradition, gut. Möglicherweise könnten die Grünen die ein oder andere neuerliche Kürzung von Sozialleistungen verhindern. Die Grünen müssten die ÖVP-Wirtschaftspolitik in Kauf nehmen, und dürften im Gegenzug, nach 33 Jahren parlamentarischer Opposition, endlich regieren.
Schwieriger wird es in der Flüchtlingsfrage, wobei auch hier anzunehmen ist, dass die ÖVP, deren wirtschaftsliberaler Flügel immer Interesse an neuen Arbeitskräften (Hautfarbe egal), hat, offener wird. Die veränderte Position zur Abschiebung von asylsuchenden Lehrlingen hat das bereits gezeigt. Um den Grünen in ihrer Refugees Welcome-Haltung entgegenzukommen, müsste die ÖVP ihre christlich-soziale Tradition betonen. Unter der aktuellen Führungsriege gibt es zwar wenig Glaubwürdigkeit in diese Richtung, aber weil Karrieristen ohnehin zu Pragmatismus und Glattheit neigen, kann mit einem inhaltlich leicht modifizierten Kurs gerechnet werden.
Aber, eine solche Regierung könnte die Grünen zerreißen. Für eine Partei die es vor zwei Jahren aus dem Parlament katapultiert hat, wäre ein Regierungsbündnis mit einer großen wirtschaftsliberalen Partei ein riskanter Schritt, gekoppelt mit der Gefahr, eines neuerlichen Zerwürfnisses. Doch das haben sie 2017 auch ohne Regierungsbeteiligung geschafft.

„Weil Karrieristen ohnehin zu Pragmatismus und Glattheit neigen, kann mit einem inhaltlich leicht modifizierten Kurs gerechnet werden.“

Trotzdem, wie ideologisch flexibel auch die Grünen schlussendlich sein können, war durch ihre Ex-Vorsitzende Eva Glawischnig zu erfahren: Gestern noch linksliberal, heute Managerin beim umstrittenen Glücksspielkonzern Novomatic. Glawischnig war es übrigens, die kürzlich im Interview auf krone.at beiden Wahlgewinnern, den Grünen und der ÖVP, herzliche Gratulation zum Wahlsieg wünschte. Das klingt doch verdächtig nach einem neuen Kurs.

Menschen im Internet sind sich uneinig was die Zukunft bringt:

schwarzblau und kurz wird die fpö sprengenschwarzgrün und er sprengt die grünenschwarzrot und es sprengt die spökurz hat die övp sprengen müssen um an die macht zu kommen er kann nix anders

Gepostet von Christopher Glanzl am Sonntag, 29. September 2019

Gewaltschutzpaket: Wenn Populismus lebensgefährlich wird

Das beschlossene Gewaltschutzpaket zeigt: Effektiver Schutz von Frauen scheint die ehemaligen Regierungsparteien nicht zu scheren.

41. Das ist die Zahl jener Frauen, die zwischen Jänner und November 2018 in Österreich getötet wurden. Bei der deutlichen Mehrheit bestand zwischen Opfer und Täter ein Beziehungsverhältnis. Oft ist es der Ehemann, Ex-Partner, Bruder oder Vater.  Fast ein Drittel aller Frauen in Österreich erfährt sexuelle Gewalt, davon jede vierte eine Vergewaltigung. Es sind Zahlen, die einen erschaudern lassen. Sie zeigen die lebensbedrohliche Realität, mit der Frauen Tag für Tag konfrontiert sind. „Gewaltschutzpaket: Wenn Populismus lebensgefährlich wird“ weiterlesen