Warten ohne Recht auf Arbeit

©Pia Lenz

Das Zimmer ist klein, die Wände abgewetzt, ein Bett gibt es nicht. Auf dem vom großen Orientteppich umsäumten Boden liegen Decken aufgeschlagen, an der Wand lehnen große Daunenkissen. Auch die weitere Ausstattung ist spärlich, außer einem massivem Ahornschrank, einer kleinen Kommode und einem einzelnen Stuhl findet man im Zimmer nicht viel. Aber es ist genug, wie Jawad sagt. Genug um sich das erste Mal zuhause zu fühlen und keine Angst mehr zu haben.

„Wir hatten immer Angst um unser Leben, bis wir nach Österreich kamen. Hier fühlen wir uns zum ersten Mal sicher“, erklärt der 22-Jährige. Jawad ist gebürtiger Afghane, doch wirklich lange hat er nicht in Afghanistan gelebt. Seit er ein Jahr alt war, war seine Familie 19 Jahre immer auf der Flucht, aus Angst vor den Taliban. Seit bereits drei Jahren ist Familie Mohammadi nun in Österreich. Hier lebt die dreiköpfige Familie auf fünfzehn Quadratmetern und ist damit zufrieden. Doch die Aussicht hier zu bleiben ist für sie bescheiden. Denn die Familie kassierte bereits einen Negativbescheid vor gut acht Monaten. Derzeit wird ihre Situation noch einmal überprüft, vorerst heißt es für sie also warten.

Kontaktmöglichkeit bieten

Warten müssen hier im Flüchtlingshaus der Volkshilfe Wien alle. Wie lange es dauert bis ein Bescheid eintrifft, weiß aber niemand. „Bei manchen dauert es wenige Wochen, aber wir hatten auch schon einen Fall, da hat es neun Jahre gedauert“, erklärt Karl Reiser, Einrichtungsleiter des Flüchtlingshauses in Brigittenau. Er betreut mit einem Mitarbeiter die 25 Wohnungen des Flüchtlingshauses in Brigittenau und zusätzlich elf weitere außerhalb gelegene Wohnungen. Insgesamt ist man so für 115 Klienten zuständig. Das Flüchtlingshaus in Brigittenau ist eines von fünf Flüchtlingshäusern der Volkshilfe Wien. Im Zuge der Integrationswochen 2019 erhalten Besucher durch den Tag der offenen Tür, Einblicke in das Leben vor Ort und die Betreuung jener Menschen, die ihre Heimat wegen lebensbedrohlicher Notlagen verlassen mussten. „Unser Hauptanliegen ist es, der Bevölkerung im Nahbereich der Unterkünfte Kontaktmöglichkeiten zu bieten und den Menschen zu zeigen, was das für Leute sind, die hier wohnen“, erklärt Martin Binder-Blumenthal, von der Öffentlichkeitsarbeit der Volkshilfe Wien.

Wer vor Ort ist merkt schnell, die Menschen sind dankbar dafür, dass sie hier wohnen dürfen. Es ist nicht viel was sie haben, eine einfache Grundausstattung im fünfzehn Quadratmeter großen Zimmer, eine Gemeinschaftsküche und getrenntgeschlechtliche Gemeinschafts-WC´s auf dem Gang pro Etage. Außerdem bekommen die Asylwerber vor Ort 5,50 Euro Verpflegungsgeld pro Tag, 40 Euro Taschengeld pro Monat und zwei Mal pro Jahr Schul- und Bekleidungsgeld. Trotz des einfachen Lebensstandards scheinen hier alle glücklich. „Auch wenn ihre Lebenssituation auf das Nötigste heruntergebrochen ist, machen sie aus der Situation das Beste“, weiß Karl Reiser.

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„Wenn man uns abschiebt, hätten wir keine Freiheit mehr. Die Taliban würden mich rekrutieren und sie würden mich zwingen bewaffnet auf Leute loszugehen und sie umzubringen. Aber ich kann doch keine Pistole in die Hand nehmen, alles was ich in der Hand halten will ist ein Stift, um zu schreiben und zu lernen“, bezeugt Jawad seine Angst vor einer Abschiebung mit glänzenden Augen. Der 22-Jährige besucht derzeit den Aufbaulehrgang der HTL Ottakring, war zuvor aber noch nie in der Schule. Auch wenn ihm das Lernen daher nicht immer leicht fällt, möchte er in zwei Jahren unbedingt die Matura in Österreich abschließen. Seine Eigeninitiative macht sich bemerkbar, sein Deutsch ist einwandfrei.

Deutsch lernen und die österreichische Kultur besser kennenlernen wollen hier im Flüchtlingsheim alle. Rund 80 Prozent der Asylwerber im Heim besuchen einen Deutschkurs. „Die restlichen 20 Prozent ergeben sich dadurch, dass das Kontingent an geförderten Deutschkursen einfach nicht reicht und die Selbstfinanzierung für viele unmöglich ist“, erklärt Binder Blumenthal. Aber gerade Sprache, ist laut ihm einer der wichtigsten Aspekte um sich zu integrieren: „Je schneller sie Deutsch sprechen, desto leichter finden sie einen Anschluss.“

Die Schwierigkeit einen Anschluss zu finden

Die aus dem Iran stammende Familie Sharifi, die hier ebenfalls lebt, weiß wovon Binder-Blumenthal spricht: „Die Leute in Österreich sind alle sehr nett zu uns, aber für uns ist es schwer österreichische Freunde zu finden und auch die Kultur besser kennenzulernen. Nur durch die Medien bekommen wir zwar viel mit, aber wir wollen daran auch teilhaben.“

Großes Problem am Teilhaben stellt für Familie Sharifi, wie auch für die meisten anderen Asylwerber, vor allem die Tatsache dar, nicht arbeiten zu dürfen. Auch wenn sie gerne würden, dürfen sie nicht mehr als gemeinnützige Arbeit verrichten und damit maximal 200 Euro im Monat dazuverdienen. Außerdem dürfen bei haushaltstypischen Dienstleistungen in Privathaushalten, lediglich 110 Euro pro Person im Monat dazuverdient werden + 80 Euro für jedes angehörige Familienmitglied.

„Das Credo müsste hier sein, Integration ab dem ersten Tag einzuführen. Dazu zählt auch, die Asylwerber arbeiten zu lassen, um sich selbst erhalten und in die Gesellschaft einbringen zu können. Eine Kombination aus Arbeit, Deutschkursen und Wertevermittlung wäre sowohl der Volkshilfe Wien, den Flüchtlingen als auch der Stadt Wien lieber. Das ist derzeit so von der Politik aber leider nicht erwünscht.“, gibt die Geschäftsführerin der Volkshilfe Wien, Tanja Wehsely zu verstehen.

© Pia Lenz, Flüchtlingsheim Brigittenau von außen

Bei Saira Pilaković, heute Fachbereichsleitung der Integrations- und Kulturarbeit der Volkshilfe Wien, war die Willkommenskultur 1992, als sie selbst als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Österreich kam, noch eine andere: „Ich finde es schade, dass die positive Energie, die ich damals spüren durfte, nicht mehr da ist. 2015 durften die ersten Asylwerber diese noch erfahren, dann hat es schnell umgeschlagen. Ein positiver Zugang würde hier zu einer Win-Win-Situation für alle führen. Außerdem bin davon überzeugt, dass wenn man die Integration uns ausgebildeten Sozialarbeitern überlassen und nicht so stark politisieren würde, könnten wir eine viel bessere Arbeit leisten.“

Die schlechte Energie, die rund um das Thema Migration laut Pilaković herrscht, ist vor Ort im Flüchtlingshaus aber nicht spürbar. Hier wird gemeinsam gelacht, in der Gemeinschaftsküche groß aufgekocht und Gäste werden herzlich empfangen. Streitereien kommen außerdem, wie Karl Reiser erzählt, eigentlich nie vor. Nur vor einem haben die Menschen vor Ort große Angst, dass das jahrelange Warten nicht gut ausgeht, denn sie alle haben den einen Wunsch: Einen positiven Asylbescheid zu bekommen und für immer in Sicherheit zu leben.

Geschrieben von Pia Lenz, bereits erschienen in der Wiener Zeitung Online