Im Camper auf Rachefeldzug

„Solange nicht alle Leben gleich erzählt werden, sollte man gleich darauf verzichten.“

Die österreichische Autorin Gertraud Klemm schreibt mit ihrem Buch Hippocampus einen Liebesbrief an die zweite Welle des Feminismus und übt gleichzeitig scharfe Kritik an den patriarchalen Strukturen der Literaturbranche.

Das Buch 'Hippocampus', aufgenommen vor einem Aquarium
Hippocampus ist im August 2019 im Verlag Kremayr-Scheriau erschienen. Copyright Julia Gruber

Ein Leben nach dem Tod

Nach dem Tod der feministischen Autorin Helene Schulze landet ihr posthum veröffentlichtes Buch  Drohnenkönig auf der Longlist des Deutschen Buchpreises – eine Ehre, die der polarisierenden Schriftstellerin zeitlebens verwehrt wurde. Ihre beste Freundin Elvira soll sich nun um ihren Nachlass kümmern. Sie kann die Heuchelei des Feuilletons und den plötzlichen Medienrummel um den Tod ihrer Freundin kaum fassen.

Erbost bricht sie ein Fernsehinterview ab und begibt sich stattdessen mit dem jungen Kameraassistenten Adrian auf einen Roadtrip quer durch Österreich. An wichtigen Stationen in Helenes Leben errichten die beiden Kunstinstallationen, die den Nachlass der Autorin richtigstellen soll. Ihr Projekt ist eine Gratwanderung zwischen Aktivismus und Vandalismus, die im Laufe der Zeit immer illegaler wird. Jede ihrer Installationen markiert Elvira mit einem roten Seepferdchen, dem Hippocampus. „Bei den Seepferdchen spritzt das Weibchen den Männchen die Embryonen in die Bauchtasche. Ich kann mir kein stimmigeres Symbol für einen radikalen, feministischen Protest vorstellen.“, sagt die Autorin in einem Interview mit ihrem Verlag. 

Streetart eines Seepferdchens
Das Seepferdchen wird in Hippocampus zum feministischen Symbol. Copyright Julia Gruber

#DichterDran

Der Sexismus im Literaturbetrieb, den Klemm in ihrem Buch beschreibt, wirkt auf den ersten Blick überspitzt, tatsächlich aber ist die Diskrepanz des öffentlichen Diskurses über Autorinnen und Autoren erschreckend. Mit dem Hashtag #DichterDran machten Frauen auf Twitter darauf aufmerksam.  Sie drehten den Spieß kurzerhand um und beschrieben berühmte männliche Autoren so, wie sonst nur Autorinnen beschrieben werden:

Wütende Lautmalerei

Klemm attackiert patriachale Strukturen mit bitterbösem Humor und Aussagen, die einem teilweise schwer im Magen liegen – und das ist richtig so: Aktivismus sollte nicht leicht verdaulich sein. Der Zorn und die Trauer von Protagonistin Elvira schürt ein sprachliches Feuer. Mit prägnanten, kurzen Sätzen schafft Klemm einen musikalischen Sprachrhythmus, der unter die Haut geht.

„Emanze“ trifft „Millenial“

Wo Klemm wirklich glänzt, ist in der Zeichnung ihrer Protagonisten. Sie erschafft mit Elvira und Adrian Charaktere, die jenseits der Buchseiten ein eigenes Leben zu führen scheinen. Sie haben Ecken und Kanten, sind teilweise unsympathisch, und trotzdem fiebert man bis zum Ende ihres Abenteuers mit ihnen mit.  Klemm dreht dabei die Geschlechterrollen um: Elvira ist egoistisch, dreist und übernimmt gern die Kontrolle; Adrian ist fürsorglich, sensibel und kümmert sich um Essen und Haushalt.  Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden wird durch ihre Generationenkluft noch verstärkt. Wie zwei Gegenpole, die sich anziehen, entwickelt sich ihre Beziehung im Laufe ihres Projekts von einer widerwilligen Abhängigkeit hin zu gegenseitigem Respekt.

Die Geschichte von Elvira (und Helene) ist nur ein winziger Teil eines Puzzles der systematischen Ungerechtigkeit. Elviras Aktivismus ist persönlicher Rachefeldzug und Gesellschaftskritik zugleich.  Klemms Protagonistin ist dabei keineswegs perfekt:  Manchen mag sie zu weit gehen, wenn sie beispielsweise einer jungen Autorin im Namen ihres Aktivismus die Preisverleihung versaut. Eines macht Klemm in Hippocampus aber klar – Protest muss aufregen und Protest darf unangenehm sein. Elvira drückt es am besten aus:

„Symbole allein, das weiß sie schon, funktionieren nicht als Protest, denn Symbole tun niemandem weh; und wenn es nicht wehtut, berührt es nicht, und wenn es nicht berührt, kann man es gleich bleiben lassen.“