„Haarlos glücklich“

Nina bei einem Fotoshooting im Wald mit Glatze
ⓒ Herzflimmern by Nadine Schachinger

Nina Pertiller steht vor ihrem Badezimmerspiegel, eine offene Tube Wimpernkleber liegt auf dem oberen Rand des Waschbeckens, mit beiden Händen bringt sie ruckzuck falsche Wimpern aus dem Drogeriemarkt an ihren Augenlidern an. Sie kämmt sorgfältig das fremde Haar ihrer mittelbraunen Perücke und setzt sie auf den Kopf – noch ein bisschen zurechtrücken, ein paar kleine Anpassungen und Nina ist fertig für ihren Alltag als Architektin. Nach dem Aufsetzen erinnert nichts mehr daran, dass dieses morgendliche Ritual dazu dient, dem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen – denn plötzlich sieht diese junge Frau aus, wie jede andere auf der Straße, doch Nina entspricht eigentlich nicht dem „gewöhnlichen“ Erscheinungsbild einer Frau in den Zwanzigern, denn sie leidet an Alopecia areata universalis umgangssprachlich auch als „kreisrunder Haarausfall“ bekannt – zu Hause, abseits der Öffentlichkeit, trägt sie Glatze.

„Manchmal will man einfach nur normal sein…“

Im Alter von 16 Jahren verlor Nina nicht nur ihre Wimpern, sondern auch ihre Kopf- und Körperbehaarung – für ein junges Mädchen in der Pubertät eine unglaubliche körperliche und psychische Belastung. Eine Perücke verweigerte sie bis zum Beginn ihres Studiums, stattdessen trug sie unterschiedliche Kopftücher in den verschiedensten Farben und Mustern, Nina wollte sich selbst treu bleiben und nicht hinter etwas „Künstlichem“ verstecken. Nach unzähligen Therapieversuchen mit Kortisoncremen, Eigenblutunterspritzungen und einer ambulanten Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung in ihrer Heimatstadt Salzburg, zog es Nina nach Graz, um Architektur zu studieren. Abseits ihrer gewohnten und sicheren Umgebung trafen sie die besorgten Blicke und das Tuscheln der Leute noch härter – plötzlich war sie die, die Krebs hatte. Die heute 27-Jährige entschied sich für eine Perücke, sprach mit ihren Kommilitonen offen über ihre Krankheit, klärte auf und wusch sich somit den Stempel „Krebspatientin“ von der Stirn. „Manchmal will man einfach nur normal sein und unter hundert Menschen nicht herausstechen“ – dies betont Nina immer wieder, während sie selbstbewusst in ihrem Wohnzimmer sitzend mit ihrer Hand über ihren kahlen Kopf streicht.

Für ihren Freund war die „Haarlosigkeit“ schon beim Kennenlernen nebensächlich, er wusste Bescheid – Freunde hatten ihn aufgeklärt – stellte aber ihr Inneres in den Vordergrund, ein Schritt, den viele Männer in Ninas Leben vor ihm nicht so einfach gehen konnten.

Nina leidet an Alopecia areata und zeigt sich ohne Perücke
ⓒ Herzflimmern by Nadine Schachinger

Auch einer lebensverändernden Krankheit konnte Nina etwas Positives abgewinnen

Wäre die Krankheit nicht in ihr Leben getreten, hätte sie sich wahrscheinlich zu einem „richtigen Arsch“ entwickelt, erklärt Nina lachend, denn „der Haarausfall hat mich von meinem hohen Ross runtergeholt“ resümiert sie, während sie sich wieder über ihre Glatze streicht. Früher beschrieb sie sich fast schon als arrogant, heute bezeichnet sie sich selbst als extrovertierten Kindskopf und „haarlos glücklich“ – Nina scheint angekommen zu sein. Die Krankheit hat die Liebe zu ihr selbst erst richtig wachsen lassen, sie fühlt sich wohl in ihrer Haut, ist selbstsicher und hat trotz dieses genetisch bedingten Schicksals nicht ihren Humor verloren, sie lacht, scherzt – auch über ihre Haarlosigkeit – und wirkt rundum glücklich.
Auf die Frage, was sie sich denn für ihre Zukunft wünscht und, ob sie nicht doch manchmal noch hofft, dass die Haare wieder zu wachsen beginnen, antwortet sie, dass sie meistens abends im Bett liegt und dankbar für den erlebten Tag ist. Der Gedanke, was mit Haaren alles leichter oder anders wäre, ereilt sie allerdings doch hin und wieder, aber in erster Linie sieht sie die positiven Aspekte:

„Ich kann durch den Regen tanzen, ohne mir Gedanken über meine Frisur zu machen!“

Wie vielfältig die Geschichten von Frauen mit Alopecia areata sein können, zeigt dieser emotionale Beitrag der Zeitschrift „Cosmopolitan“:

Wow. Toller Artikel in der Cosmopolitan ???

Gepostet von Die vielen Gesichter von Alopecia Areata am Montag, 21. Oktober 2019