Back to the Roots: ÖVP auf (Sinn)Suche

Wer hätte das gedacht: Grün feiert zwei Jahre nach dem Regierungsaus 2017 ein Comeback, das seinesgleichen sucht. Mit dem besten Wahlergebnis seit ihrem Bestehen katapultiert sich die Ökopartei zum zahlenmäßig attraktivsten Koalitionspartner für die türkise Volkspartei. Eine vielleicht einmalige Chance für Sebastian Kurz, die ÖVP wieder zurück zu seinen christlich-sozialen Werten zu führen; weg vom rechten Image, das ihm die vergangene Koalition bescherte.Eine Chance, frischen Wind in die skandalgerüttelte, nationale Politik zu bringen, und international ein entschiedenes Zeichen gegen Rechts zu setzten. Kurz und Kogler mögen zwar persönlich keine dicken Freunde werden. Inhaltlich bieten ihre Parteien allerdings Überschneidungen, die Österreich durchaus nach vorne bringen können. Das zeigen auch erste Vieraugengespräche:

Auch Schwarz kann Sozialpolitik

Bei all dem politischen Tohuwabohu der letzten Jahre kamen dem jungen Ausnahmepolitiker Sebastian Kurz offenbar die traditionellen Werte der ÖVP abhanden. Seine an Blau orientierte, harsche Flüchtlingspolitik, und die konsequente Kürzung der sozialen Mittel haben mittlerweile wenig mit den schwarzen Prinzipien Personalität und Solidarität zu tun. Dabei könnten die Grünen mit ihrer Sozialpolitik genau an diesen Werten anknüpfen, und der ÖVP wieder mehr Glaubwürdigkeit geben.

Welche Farbe trägt die ÖVP? Türkis? Schwarz? Oder doch noch Blau? Copyright: Maria Mayböck

Ebenfalls anknüpfen können die Grünen am ökosozialen Kurs der schwarzen Vordenker der 70er und 80er Jahre. „Green is beautiful“ pinselte sich die Traditionspartei damals noch stolz auf ihre Werbeplakate. Schutz der heimischen Umweltgüter wurde plötzlich Thema. Klingt nach den heutigen Grünen? War aber einmal ÖVP.

Vom Balkanschließer zum Klimakanzler

Quer durch die Bank tummeln sich mittlerweile die Parteien, die den Klimawandel als ihr Steckenpferd beanspruchen. So auch Kurz. Aus seiner Richtung heißt es mittlerweile: Klimaschutz muss Chefsache werden. Oder: Österreich soll bis 2045 CO2-neutral werden. Vor erbosten Schulschwänzern und Greta Thunbergs Worten „Wie könnt ihr es wagen?“ kann sich offensichtlich auch kein Sebastian Kurz verstecken. Ist er mit der FPÖ noch konsequent den rechten Anti-Migration-Kurs gefahren, surft er mittlerweile mehr oder weniger überzeugend auf der grünen Welle mit. Vom Balkanschließer zum Klimakanzler, könnte man also meinen. Und wem sonst würde dieses Kunststück gelingen als dem Meister des Pragmatismus und Opportunismus Sebastian Kurz?

Nicht nur mit Tofu und Fahrrad die Welt retten

Im Wahlkampf zeigte sich der Altkanzler bemüht volksnah und schlüpfte dafür gerne in die sportlich-legere Wanderhose. Nicht ohne Grund: Die österreichischen Bäuerinnen und Bauern sind und bleiben eine konservative Wählerschaft. Aber auch die Grünen können in puncto Landwirtschaft ansetzen. Denn hinter Grün stecken nicht nur alternative Akademiker, die aus Wien mit veganer Ernährung und Lastenfahrrädern die Welt retten wollen. Schutz der heimischen Landwirtschaft vor Billig-Importen aus anderen Kontinenten ist auch ihnen ein Anliegen. Ein weiterer gemeinsamer Nenner für eine türkis-grüne Koalition.

Natürlich würden Kurz und Kogler nicht reibungslos funktionieren. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass die beiden Parteien häufig gegensätzliche Positionen einnehmen. In der Debatte um die Eurofighter, beispielsweise, halten ÖVP und Grüne eisern Stellung. Eine Kursänderung würde an politischen Suizid grenzen. Auch dass Kurz die Reichen reicher und die Armen ärmer werden lässt – Stichwort Steuern- wird Grünen-Bundessprecher Werne Kogler nicht ohne Wenn und Aber durchgehen lassen. Was es braucht ist also Kompromiss und einen langen Atem. Doch das ist letztlich Politik. Türkis muss nur wieder schwarz werden. Dann kann Schwarz auch mit Grün.

Wie viel Grün steckt unter Schwarz? Copyright: Maria Mayböck