Gedenkstätte Steinhof: Wider das Vergessen

Die Straße vor dem Otto-Wagner-Spital ist nass und die Luft neblig. Es sind nur wenige Menschen auf dem Gelände mit den vielen Pavillons zu sehen. Die wenigen, die sich zwischen den Gebäuden tummeln, tragen alle einen weißen Kittel. Ganz oben, in der Nähe der Kirche, ist eine Touristengruppe zu sehen. Es fühlt sich so an, als wäre man hier fehl am Platz. Ohne es zu wissen, würde hier wohl niemand mit einer Gedenkstätte und einer Ausstellung zu Verbrechen im Nationalsozialismus rechnen. Noch weniger würde man vermuten, dass diese hier geschehen sind.

Die grünen Schilder am Rand des Schotterwegs weisen die Richtung zur „Gedenkstätte Steinhof“. Auf der rechten Seite des Weges findet sich ein Mahnmal für die Opfer vom „Spiegelgrund“. Es besteht aus vielen Lichtsäulen, die in der Dunkelheit wie ein Meer aus Kerzen aussehen. Daneben sind Gedenk- und Informationstafeln angebracht. Die Treppen zur Ausstellung ziehen sich – zwischen den verschiedenen Pavillons – den recht steilen Berg hinauf. Oben angelangt, etwas versteckt hinter großen Bäumen, fällt einem das Banner der Ausstellung – „Der Krieg gegen die Minderwertigen“ – ins Auge.

Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“

Das Backsteinhaus, in dem sich die Ausstellung befindet, ähnelt den vielen anderen Häusern auf dem von Otto Wagner geplanten Areal. Hinein geht es durch eine Glastür. Hinter dieser verbirgt sich ein Vorraum mit hoher Decke. Dieser führt in viele verschiedene Zimmer. Am Flur bewegt sich medizinisches Personal und in einer der Räumlichkeiten sind weiße Kittel und andere medizinische Utensilien zu sehen. Auf der linken Seite des Flurs findet man, ganz unscheinbar, den Eingang zum Ausstellungssaal. Konzipiert wurde die Ausstellung vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW), welches sie gemeinsam mit dem Verein Gedenkdienst betreut. Der Fußboden der Ausstellungsräume ist durch ein Schachbrettmuster verziert. Neben einzelnen Vitrinen findet sich der Großteil der Ausstellung an den Wänden. Auf großen Plakaten sind verschiedene Zeichnungen, Texte, Fotos und Pläne zu sehen. Beschrieben werden hier die Verbrechen und Morde der Nationalsozialisten an den sogenannten „Minderwertigen“. Also psychisch und physisch behinderte Menschen, jene mit Erberkankungen und Süchten und alle anderen, die nicht in den „Reinheitswahn“ der Nationalsozialisten passten.
Das DÖW schreibt hierzu:

„Die Medizin übernahm im Nationalsozialismus eine neue Aufgabe: die „Ausmerzung“ von als „minderwertig“ qualifizierten Menschen.“

Backsteinhaus. Banner mit Aufschrift: "Dauerausstellung. Der Krieg gegen die "Minderwertigen". Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien." www.gedenkstaettesteinhof.at"
Gedenkstätte Steinhof © Max Herbst

Aufbauend auf der Idee der „Eugenik“ setzten sich die Nazis das Ziel, den deutschen „Volkskörper“ von „minderwertigem Erbgut“ frei zu halten. Im Mittelpunkt stand nicht mehr die medizinische Sicherstellung des Wohlergehens des einzelnen Menschen, sondern die menschenverachtende Vorstellung eines „reinen“ Volkes. In der deutschnationalen Ideologie angelegt, und von ihren Vertretern bereits im 19. Jahrhundert vorbereitet, war die „Eugenik“ ein zentrales Element in der nationalsozialistischen Ideologie. Daten über Menschen mit Erkrankungen und Behinderungen wurden gesammelt, sowie Anstalten und Lager errichtet und Gesetze erlassen. Des Weiteren wurde massenhaft Propaganda gegen sogenannte „Minderwertige“ und „Asoziale“ produziert und auf verschiedensten Kanälen verbreitet. Ab 1940 wurden in der „Ostmark“ Sterilisierungen per Gesetz staatlich angeordnet und mit Zwangsgewalt durchgesetzt. Diesem Verbrechen fielen im gesamten „Deutschen Reich“ um die 360.000 Menschen zum Opfer. Im Sinne der „Volkshygiene“ wurden auch Eheschließungen mit „Minderwertigen“ verboten. In weiterer Folge kam es, im Sinne der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, zu massenhaften und systematischen Internierungen und Ermordungen.

Im damals „Am Steinhof“ genannten Otto-Wagner-Spital starben in der Zeit des Nationalsozialismus mindestens 7 500 Menschen, davon 800 Kinder und Jugendliche, an Vernachlässigung, Menschenversuchen und durch gezielten Mord. Im großen und systematischen Stil wurden die Anstaltsinsassen im Schloss Hartheim bei Linz, im Zuge der „Aktion T4“, durch Gas ermordet.

Vitrine mit Büchern drinnen. Hellblaues Buch mit dem Titel "Deutsche Rassenhygiene". Dahinter "Adolf Hitler Mein Kampf".
Nationalsozialistische Bücher in einer Vitrine der Gedenkstätte Steinhof © Max Herbst

Verdrängung und Aufarbeitung

Neben der Geschichte des Verbrechens „Am Steinhof“, erfährt man in der Ausstellung auch vieles über die Vor- und Nachgeschichte der „Euthanasie“ im Nationalsozialismus. So wird die der nationalsozialistischen Ideologie vorangegangene und ihr zugrundeliegende Idee der „Rassenlehre“ und „Euthanasie“ näher erklärt. Zusätzlich finden sich noch einzelne Plakate zur Vertreibung und Ermordung der jüdischen Ärzte und Ärztinnen und zur Rolle der Anthropologie in der „Rassenkunde“ des Nationalsozialismus. Zu letzterer sind auch Vitrinen mit Gegenständen zur rassistischen Vermessung und Untersuchung von Menschen vorhanden. Weiters finden sich noch Ausführungen zum Widerstand gegen die NS-Euthanasie, welcher vorwiegend von Angehörigen und Betroffenen, dem kommunistischen Widerstand und der katholischen Kirche ausging.

Ein Ausschnitt aus dem Ausstellungssaal der Gedenkstätte Steinhof. Vor einer Wand mit Fenster hängt eine mehrfarbige große Karte mit dem Titel "Die Rassen Europas". Davor stehen ein Holzstuhl und ein großes metallenes Messgerät.
Die Anthropologie hat eine zentrale Rolle in der „Rassenkunde“ des Nationalsozialismus gespielt © Max Herbst

Ausführlich wird außerdem auf die bis heute andauernde (fehlende) Aufarbeitung der Verbrechen, die oft ausgebliebenen Konsequenzen für die Täter und die Verdrängung der Opfer eingegangen. Diese Thematik wird am Beispiel des NS-Arztes Heinrich Gross behandelt, dessen Karriere nach der Befreiung durch die Alliierten nicht endete. Er wurde nie verurteilt, im Gegenteil konnte er seine Karriere sogar „Am Steinhof“ fortsetzen. Als wäre das nicht schon Skandal genug, nutzte er dort die sterblichen Überreste der Spiegelgrund-Opfer bis in die 1980er Jahre zu Forschungszwecken.

Erst im Jahr 2002 wurden die sterblichen Überreste von Opfern des „Steinhof“ am Wiener Zentralfriedhof beigelegt. Die fehlende Aufarbeitung zeigt sich auch in dem  Ergebnis zu dem eine Studie aus dem Jahr 2017 kam, wonach nach 1945 bis in die 1980er Jahre behinderte Kinder „Am Steinhof“ misshandelt und systematisch vernachlässigt wurden. Die Mitherausgeberin der Studie, Hemma Mayrhofer, beschreibt den „Pavillon 15-Am Steinhof“ als „ein umfassendes Gewaltsystem“, welches für „Kinder völlig inadäquate Versorgungs- und Betreuungsverhältnisse auswies.“ Dies führt sie unter anderem darauf zurück,

„dass mit wenigen Ausnahmen das gesamte Personal aus der NS-Zeit weiterbeschäftigt wurde“.

Die Gedenkstätte Steinhof kann von Mittwoch bis Freitag von 10-17 Uhr und an Samstagen von 14-18 kostenlos besucht werden. Führungen können hier gebucht werden. Die Ausstellung ist außerdem in vollem Umfang online zugänglich und auch als Buch erhältlich.