Warten ohne Recht auf Arbeit

©Pia Lenz

Das Zimmer ist klein, die Wände abgewetzt, ein Bett gibt es nicht. Auf dem vom großen Orientteppich umsäumten Boden liegen Decken aufgeschlagen, an der Wand lehnen große Daunenkissen. Auch die weitere Ausstattung ist spärlich, außer einem massivem Ahornschrank, einer kleinen Kommode und einem einzelnen Stuhl findet man im Zimmer nicht viel. Aber es ist genug, wie Jawad sagt. Genug um sich das erste Mal zuhause zu fühlen und keine Angst mehr zu haben.

„Wir hatten immer Angst um unser Leben, bis wir nach Österreich kamen. Hier fühlen wir uns zum ersten Mal sicher“, erklärt der 22-Jährige. Jawad ist gebürtiger Afghane, doch wirklich lange hat er nicht in Afghanistan gelebt. Seit er ein Jahr alt war, war seine Familie 19 Jahre immer auf der Flucht, aus Angst vor den Taliban. Seit bereits drei Jahren ist Familie Mohammadi nun in Österreich. Hier lebt die dreiköpfige Familie auf fünfzehn Quadratmetern und ist damit zufrieden. Doch die Aussicht hier zu bleiben ist für sie bescheiden. Denn die Familie kassierte bereits einen Negativbescheid vor gut acht Monaten. Derzeit wird ihre Situation noch einmal überprüft, vorerst heißt es für sie also warten.

Kontaktmöglichkeit bieten

Warten müssen hier im Flüchtlingshaus der Volkshilfe Wien alle. Wie lange es dauert bis ein Bescheid eintrifft, weiß aber niemand. „Bei manchen dauert es wenige Wochen, aber wir hatten auch schon einen Fall, da hat es neun Jahre gedauert“, erklärt Karl Reiser, Einrichtungsleiter des Flüchtlingshauses in Brigittenau. Er betreut mit einem Mitarbeiter die 25 Wohnungen des Flüchtlingshauses in Brigittenau und zusätzlich elf weitere außerhalb gelegene Wohnungen. Insgesamt ist man so für 115 Klienten zuständig. Das Flüchtlingshaus in Brigittenau ist eines von fünf Flüchtlingshäusern der Volkshilfe Wien. Im Zuge der Integrationswochen 2019 erhalten Besucher durch den Tag der offenen Tür, Einblicke in das Leben vor Ort und die Betreuung jener Menschen, die ihre Heimat wegen lebensbedrohlicher Notlagen verlassen mussten. „Unser Hauptanliegen ist es, der Bevölkerung im Nahbereich der Unterkünfte Kontaktmöglichkeiten zu bieten und den Menschen zu zeigen, was das für Leute sind, die hier wohnen“, erklärt Martin Binder-Blumenthal, von der Öffentlichkeitsarbeit der Volkshilfe Wien.

Wer vor Ort ist merkt schnell, die Menschen sind dankbar dafür, dass sie hier wohnen dürfen. Es ist nicht viel was sie haben, eine einfache Grundausstattung im fünfzehn Quadratmeter großen Zimmer, eine Gemeinschaftsküche und getrenntgeschlechtliche Gemeinschafts-WC´s auf dem Gang pro Etage. Außerdem bekommen die Asylwerber vor Ort 5,50 Euro Verpflegungsgeld pro Tag, 40 Euro Taschengeld pro Monat und zwei Mal pro Jahr Schul- und Bekleidungsgeld. Trotz des einfachen Lebensstandards scheinen hier alle glücklich. „Auch wenn ihre Lebenssituation auf das Nötigste heruntergebrochen ist, machen sie aus der Situation das Beste“, weiß Karl Reiser.

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Für mehr soziale Gerechtigkeit in Wien ❤️

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„Wenn man uns abschiebt, hätten wir keine Freiheit mehr. Die Taliban würden mich rekrutieren und sie würden mich zwingen bewaffnet auf Leute loszugehen und sie umzubringen. Aber ich kann doch keine Pistole in die Hand nehmen, alles was ich in der Hand halten will ist ein Stift, um zu schreiben und zu lernen“, bezeugt Jawad seine Angst vor einer Abschiebung mit glänzenden Augen. Der 22-Jährige besucht derzeit den Aufbaulehrgang der HTL Ottakring, war zuvor aber noch nie in der Schule. Auch wenn ihm das Lernen daher nicht immer leicht fällt, möchte er in zwei Jahren unbedingt die Matura in Österreich abschließen. Seine Eigeninitiative macht sich bemerkbar, sein Deutsch ist einwandfrei.

Deutsch lernen und die österreichische Kultur besser kennenlernen wollen hier im Flüchtlingsheim alle. Rund 80 Prozent der Asylwerber im Heim besuchen einen Deutschkurs. „Die restlichen 20 Prozent ergeben sich dadurch, dass das Kontingent an geförderten Deutschkursen einfach nicht reicht und die Selbstfinanzierung für viele unmöglich ist“, erklärt Binder Blumenthal. Aber gerade Sprache, ist laut ihm einer der wichtigsten Aspekte um sich zu integrieren: „Je schneller sie Deutsch sprechen, desto leichter finden sie einen Anschluss.“

Die Schwierigkeit einen Anschluss zu finden

Die aus dem Iran stammende Familie Sharifi, die hier ebenfalls lebt, weiß wovon Binder-Blumenthal spricht: „Die Leute in Österreich sind alle sehr nett zu uns, aber für uns ist es schwer österreichische Freunde zu finden und auch die Kultur besser kennenzulernen. Nur durch die Medien bekommen wir zwar viel mit, aber wir wollen daran auch teilhaben.“

Großes Problem am Teilhaben stellt für Familie Sharifi, wie auch für die meisten anderen Asylwerber, vor allem die Tatsache dar, nicht arbeiten zu dürfen. Auch wenn sie gerne würden, dürfen sie nicht mehr als gemeinnützige Arbeit verrichten und damit maximal 200 Euro im Monat dazuverdienen. Außerdem dürfen bei haushaltstypischen Dienstleistungen in Privathaushalten, lediglich 110 Euro pro Person im Monat dazuverdient werden + 80 Euro für jedes angehörige Familienmitglied.

„Das Credo müsste hier sein, Integration ab dem ersten Tag einzuführen. Dazu zählt auch, die Asylwerber arbeiten zu lassen, um sich selbst erhalten und in die Gesellschaft einbringen zu können. Eine Kombination aus Arbeit, Deutschkursen und Wertevermittlung wäre sowohl der Volkshilfe Wien, den Flüchtlingen als auch der Stadt Wien lieber. Das ist derzeit so von der Politik aber leider nicht erwünscht.“, gibt die Geschäftsführerin der Volkshilfe Wien, Tanja Wehsely zu verstehen.

© Pia Lenz, Flüchtlingsheim Brigittenau von außen

Bei Saira Pilaković, heute Fachbereichsleitung der Integrations- und Kulturarbeit der Volkshilfe Wien, war die Willkommenskultur 1992, als sie selbst als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Österreich kam, noch eine andere: „Ich finde es schade, dass die positive Energie, die ich damals spüren durfte, nicht mehr da ist. 2015 durften die ersten Asylwerber diese noch erfahren, dann hat es schnell umgeschlagen. Ein positiver Zugang würde hier zu einer Win-Win-Situation für alle führen. Außerdem bin davon überzeugt, dass wenn man die Integration uns ausgebildeten Sozialarbeitern überlassen und nicht so stark politisieren würde, könnten wir eine viel bessere Arbeit leisten.“

Die schlechte Energie, die rund um das Thema Migration laut Pilaković herrscht, ist vor Ort im Flüchtlingshaus aber nicht spürbar. Hier wird gemeinsam gelacht, in der Gemeinschaftsküche groß aufgekocht und Gäste werden herzlich empfangen. Streitereien kommen außerdem, wie Karl Reiser erzählt, eigentlich nie vor. Nur vor einem haben die Menschen vor Ort große Angst, dass das jahrelange Warten nicht gut ausgeht, denn sie alle haben den einen Wunsch: Einen positiven Asylbescheid zu bekommen und für immer in Sicherheit zu leben.

Geschrieben von Pia Lenz, bereits erschienen in der Wiener Zeitung Online

Steinhaus und Frappart: Wenn Frauen Männer Spiele pfeifen

Am 14. August 2019 wird Fußball-Geschichte geschrieben. Wenn der FC Liverpool, amtierender Champions League Sieger, und der FC Chelsea, amtierender Europa League Sieger, im Vodafone Park in Beşiktaş, Istanbul, den UEFA Super Cup unter sich ausmachen, kommt es zu einer Premiere. Zum ersten Mal wird ein großes intereuropäisches Club Match von einer Schiedsrichterin geleitet. Die 35-jährige Französin Stéphanie Frappart wird den Super Cup pfeifen. „Steinhaus und Frappart: Wenn Frauen Männer Spiele pfeifen“ weiterlesen

Back to the Roots: ÖVP auf (Sinn)Suche

Wer hätte das gedacht: Grün feiert zwei Jahre nach dem Regierungsaus 2017 ein Comeback, das seinesgleichen sucht. Mit dem besten Wahlergebnis seit ihrem Bestehen katapultiert sich die Ökopartei zum zahlenmäßig attraktivsten Koalitionspartner für die türkise Volkspartei. Eine vielleicht einmalige Chance für Sebastian Kurz, die ÖVP wieder zurück zu seinen christlich-sozialen Werten zu führen; weg vom rechten Image, das ihm die vergangene Koalition bescherte.Eine Chance, frischen Wind in die skandalgerüttelte, nationale Politik zu bringen, und international ein entschiedenes Zeichen gegen Rechts zu setzten. Kurz und Kogler mögen zwar persönlich keine dicken Freunde werden. Inhaltlich bieten ihre Parteien allerdings Überschneidungen, die Österreich durchaus nach vorne bringen können. Das zeigen auch erste Vieraugengespräche:

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„Haarlos glücklich“

Nina bei einem Fotoshooting im Wald mit Glatze
ⓒ Herzflimmern by Nadine Schachinger

Nina Pertiller steht vor ihrem Badezimmerspiegel, eine offene Tube Wimpernkleber liegt auf dem oberen Rand des Waschbeckens, mit beiden Händen bringt sie ruckzuck falsche Wimpern aus dem Drogeriemarkt an ihren Augenlidern an. Sie kämmt sorgfältig das fremde Haar ihrer mittelbraunen Perücke und setzt sie auf den Kopf – noch ein bisschen zurechtrücken, ein paar kleine Anpassungen und Nina ist fertig für ihren Alltag als Architektin. Nach dem Aufsetzen erinnert nichts mehr daran, dass dieses morgendliche Ritual dazu dient, dem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen – denn plötzlich sieht diese junge Frau aus, wie jede andere auf der Straße, doch Nina entspricht eigentlich nicht dem „gewöhnlichen“ Erscheinungsbild einer Frau in den Zwanzigern, denn sie leidet an Alopecia areata universalis umgangssprachlich auch als „kreisrunder Haarausfall“ bekannt – zu Hause, abseits der Öffentlichkeit, trägt sie Glatze.

„Manchmal will man einfach nur normal sein…“

Im Alter von 16 Jahren verlor Nina nicht nur ihre Wimpern, sondern auch ihre Kopf- und Körperbehaarung – für ein junges Mädchen in der Pubertät eine unglaubliche körperliche und psychische Belastung. Eine Perücke verweigerte sie bis zum Beginn ihres Studiums, stattdessen trug sie unterschiedliche Kopftücher in den verschiedensten Farben und Mustern, Nina wollte sich selbst treu bleiben und nicht hinter etwas „Künstlichem“ verstecken. Nach unzähligen Therapieversuchen mit Kortisoncremen, Eigenblutunterspritzungen und einer ambulanten Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung in ihrer Heimatstadt Salzburg, zog es Nina nach Graz, um Architektur zu studieren. Abseits ihrer gewohnten und sicheren Umgebung trafen sie die besorgten Blicke und das Tuscheln der Leute noch härter – plötzlich war sie die, die Krebs hatte. Die heute 27-Jährige entschied sich für eine Perücke, sprach mit ihren Kommilitonen offen über ihre Krankheit, klärte auf und wusch sich somit den Stempel „Krebspatientin“ von der Stirn. „Manchmal will man einfach nur normal sein und unter hundert Menschen nicht herausstechen“ – dies betont Nina immer wieder, während sie selbstbewusst in ihrem Wohnzimmer sitzend mit ihrer Hand über ihren kahlen Kopf streicht.

Für ihren Freund war die „Haarlosigkeit“ schon beim Kennenlernen nebensächlich, er wusste Bescheid – Freunde hatten ihn aufgeklärt – stellte aber ihr Inneres in den Vordergrund, ein Schritt, den viele Männer in Ninas Leben vor ihm nicht so einfach gehen konnten.

Nina leidet an Alopecia areata und zeigt sich ohne Perücke
ⓒ Herzflimmern by Nadine Schachinger

Auch einer lebensverändernden Krankheit konnte Nina etwas Positives abgewinnen

Wäre die Krankheit nicht in ihr Leben getreten, hätte sie sich wahrscheinlich zu einem „richtigen Arsch“ entwickelt, erklärt Nina lachend, denn „der Haarausfall hat mich von meinem hohen Ross runtergeholt“ resümiert sie, während sie sich wieder über ihre Glatze streicht. Früher beschrieb sie sich fast schon als arrogant, heute bezeichnet sie sich selbst als extrovertierten Kindskopf und „haarlos glücklich“ – Nina scheint angekommen zu sein. Die Krankheit hat die Liebe zu ihr selbst erst richtig wachsen lassen, sie fühlt sich wohl in ihrer Haut, ist selbstsicher und hat trotz dieses genetisch bedingten Schicksals nicht ihren Humor verloren, sie lacht, scherzt – auch über ihre Haarlosigkeit – und wirkt rundum glücklich.
Auf die Frage, was sie sich denn für ihre Zukunft wünscht und, ob sie nicht doch manchmal noch hofft, dass die Haare wieder zu wachsen beginnen, antwortet sie, dass sie meistens abends im Bett liegt und dankbar für den erlebten Tag ist. Der Gedanke, was mit Haaren alles leichter oder anders wäre, ereilt sie allerdings doch hin und wieder, aber in erster Linie sieht sie die positiven Aspekte:

„Ich kann durch den Regen tanzen, ohne mir Gedanken über meine Frisur zu machen!“

Wie vielfältig die Geschichten von Frauen mit Alopecia areata sein können, zeigt dieser emotionale Beitrag der Zeitschrift „Cosmopolitan“:

Wow. Toller Artikel in der Cosmopolitan 😍😍😍

Gepostet von Die vielen Gesichter von Alopecia Areata am Montag, 21. Oktober 2019

Schwarz-Grün: Koalition der Winner

Die Österreicher halten sich für tüchtig und naturverbunden. ÖVP und Grüne verkörpern beides. Die ÖVP am Land, in Dörfern und Kleinstädten, strukturkonservativ, trachtig und wirtschaftsliberal, die Grünen in den größeren Städten, naturromantisch, weltoffen-linksliberal. Grün und ÖVP wählt, wer sich um Dinge sorgen kann, die jenseits des eigenen wirtschaftlichen Überlebens stehen. Zum Beispiel: Leistung, regionales Essen, soziale Distinktion.
Schwarz oder grün wählt, wer sich für bürgerlich, also nicht für einen Proleten hält. In diesem Sinne sind sowohl ÖVP als auch Grüne Parteien der gesellschaftlichen Gewinner.

„Schwarz oder grün wählt, wer sich für bürgerlich, also nicht für einen Proleten hält.“

Privilegien als natürliche Ordnung

Weil Winner dazu neigen, aus dieser Überlegenheit eine gerechte, moralisch einwandfreie Ordnung abzuleiten, haben auch ÖVP und Grüne ihre Strategien und Rechtfertigungen.
Bei der ÖVP fußt die Logik der eigenen Überlegenheit auf monetärem Kapital: Gut ist wer Erfolg hat, also tüchtig ist (oder immerhin tüchtige Vorfahren hat), wer sich selbst, Frau und Kinder im Griff hat, oder, andersherum, wer seinem Mann keine Probleme macht. Gut ist also: Erfolg und gehorsam.

Schreibtisch
Klassischer ÖVP-Wähler-Schreibtisch: Tageszeitung Die Presse, Burgtheater-Programm, Bibel, Krawatte wegen Leistungsträger-Job. Höher, schneller, weiter!

Bei den Grünen ist die Sache weniger greifbar und orientiert sich nicht so stark an Geld oder formalem Erfolg, sondern am moralischen Handeln. Gut ist wer gebildet ist, sich für andere Kulturen interessiert, biologisch einkauft, Fahrrad fährt, Einweggläser verwendet, freundlich zu Minderheiten ist, seine Kinder nicht schlägt und fähig ist, zu diskutieren ­- immerhin haben die Grünen eine basisdemokratische Tradition der Entscheidungsfindung. Gut ist also: Wer einige symbolische Regeln beachtet und nicht negativ auffällt. Es ist kein rigider, eindeutiger Gehorsam wie jener der ÖVP, sondern einer, der sich aus vielen Gesten ergibt.

Tisch mit Büchern und Notizheft
Klassischer Grün-Wählerinnen-Tisch: Weitgereister Bio-Quinoa, hippes vegetarisches Kochbuch, Falter, Notizheft in skandinavischem Design. Echt hygge!

Ideologisch flexibel

Eine schwarz-grüne Koalition hätte Vorteile für beide Parteien. Die ÖVP könnte, unter der Voraussetzung, dass sie sich auch ein bisschen der Umweltpolitik widmet, ihren gewohnten Kurs fahren. Fallweise würden die Grünen, vor allem jene aus Wien, nach sozialer Gerechtigkeit rufen. Die ÖVP müsste hier beschwichtigen, doch das kann sie, dank ihrer katholischen Tradition, gut. Möglicherweise könnten die Grünen die ein oder andere neuerliche Kürzung von Sozialleistungen verhindern. Die Grünen müssten die ÖVP-Wirtschaftspolitik in Kauf nehmen, und dürften im Gegenzug, nach 33 Jahren parlamentarischer Opposition, endlich regieren.
Schwieriger wird es in der Flüchtlingsfrage, wobei auch hier anzunehmen ist, dass die ÖVP, deren wirtschaftsliberaler Flügel immer Interesse an neuen Arbeitskräften (Hautfarbe egal), hat, offener wird. Die veränderte Position zur Abschiebung von asylsuchenden Lehrlingen hat das bereits gezeigt. Um den Grünen in ihrer Refugees Welcome-Haltung entgegenzukommen, müsste die ÖVP ihre christlich-soziale Tradition betonen. Unter der aktuellen Führungsriege gibt es zwar wenig Glaubwürdigkeit in diese Richtung, aber weil Karrieristen ohnehin zu Pragmatismus und Glattheit neigen, kann mit einem inhaltlich leicht modifizierten Kurs gerechnet werden.
Aber, eine solche Regierung könnte die Grünen zerreißen. Für eine Partei die es vor zwei Jahren aus dem Parlament katapultiert hat, wäre ein Regierungsbündnis mit einer großen wirtschaftsliberalen Partei ein riskanter Schritt, gekoppelt mit der Gefahr, eines neuerlichen Zerwürfnisses. Doch das haben sie 2017 auch ohne Regierungsbeteiligung geschafft.

„Weil Karrieristen ohnehin zu Pragmatismus und Glattheit neigen, kann mit einem inhaltlich leicht modifizierten Kurs gerechnet werden.“

Trotzdem, wie ideologisch flexibel auch die Grünen schlussendlich sein können, war durch ihre Ex-Vorsitzende Eva Glawischnig zu erfahren: Gestern noch linksliberal, heute Managerin beim umstrittenen Glücksspielkonzern Novomatic. Glawischnig war es übrigens, die kürzlich im Interview auf krone.at beiden Wahlgewinnern, den Grünen und der ÖVP, herzliche Gratulation zum Wahlsieg wünschte. Das klingt doch verdächtig nach einem neuen Kurs.

Menschen im Internet sind sich uneinig was die Zukunft bringt:

schwarzblau und kurz wird die fpö sprengenschwarzgrün und er sprengt die grünenschwarzrot und es sprengt die spökurz hat die övp sprengen müssen um an die macht zu kommen er kann nix anders

Gepostet von Christopher Glanzl am Sonntag, 29. September 2019

Gedenkstätte Steinhof: Wider das Vergessen

Schwarz-weiß. Fenster mit Schriftzug auf dem Fenster: "Gedenkstätte Steinhof Steinhof Memorial". Hintergrund unscharf.

Die Straße vor dem Otto-Wagner-Spital ist nass und die Luft neblig. Es sind nur wenige Menschen auf dem Gelände mit den vielen Pavillons zu sehen. Die wenigen, die sich zwischen den Gebäuden tummeln, tragen alle einen weißen Kittel. Ganz oben, in der Nähe der Kirche, ist eine Touristengruppe zu sehen. Es fühlt sich so an, als wäre man hier fehl am Platz. Ohne es zu wissen, würde hier wohl niemand mit einer Gedenkstätte und einer Ausstellung zu Verbrechen im Nationalsozialismus rechnen. Noch weniger würde man vermuten, dass diese hier geschehen sind.

Die grünen Schilder am Rand des Schotterwegs weisen die Richtung zur „Gedenkstätte Steinhof“. Auf der rechten Seite des Weges findet sich ein Mahnmal für die Opfer vom „Spiegelgrund“. Es besteht aus vielen Lichtsäulen, die in der Dunkelheit wie ein Meer aus Kerzen aussehen. Daneben sind Gedenk- und Informationstafeln angebracht. Die Treppen zur Ausstellung ziehen sich – zwischen den verschiedenen Pavillons – den recht steilen Berg hinauf. Oben angelangt, etwas versteckt hinter großen Bäumen, fällt einem das Banner der Ausstellung – „Der Krieg gegen die Minderwertigen“ – ins Auge.

„Gedenkstätte Steinhof: Wider das Vergessen“ weiterlesen

Mietrecht neu: Gesetzliche Höchstmiete muss her!

Durchschnittlich 7,98 Euro zahlt ein österreichischer Mieter pro Quadratmeter für seine Wohnung. Dabei klaffen die Mieten zwischen den Bundesländern Salzburg (8,7€/m2) und Burgenland (5,4€/m2) um 3,3 Euro pro Quadratmeter. Das können locker 560 Euro für eine 70-Quadratmeter-Wohnung werden – wohlbemerkt ohne Betriebskosten! Rechnet man die Mieterhöhungen der Jahre 2012 bis 2016 zusammen, kommt man auf eine Steigerung der Mietpreise von 16 Prozent. Wohlbemerkt, handelt es sich bei der Mikrozensus Wohnungserhebung der Statistik Austria ausschließlich um Durchschnittswerte!

Wo soll das noch hin?

Wo soll das noch? Wohnungsmarkt in Metropolen.

Wer will und vor allem, wer kann das noch bezahlen? Wer setzt sich für die Mieter ein? Soll das Wohlergehen längerfristig auf der Strecke bleiben?
Allein in Wien leben 78 Prozent der Bevölkerung in Miete. In Niederösterreich sind es gerade einmal 27 Prozent. Wo viel Land, da günstig. Dafür herrscht in Großstädten Mietwucher, Tendenz steigend. Neuer Wohnraum wird damit zunehmend knapper, womit sich gut spekulieren lässt. Die Eigentümer interessiert das finanzielle Problem kaum. Nein, sie kaufen weitere Wohnungen in Ballungszentren und fördern dadurch die Immobilienblase. Hier gilt das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage.

Wohlbemerkt entscheidet nicht zwingend der Zustand
oder die Ausstattung über den Wohnungspreis!

Ein Dach über dem Kopf darf kein Luxus sein. So wie die Käsescheibe auf dem Butterbrot, muss auch Wohnen leistbar sein. Es ist ebenso ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken. Jeder Mieter sollte sich daher an einer klaren Mietobergrenze orientieren dürfen, sowohl für Altbau als auch für Neubau.
Zudem werden immer mehr Wohnungen ausschließlich befristet vermietet. Läuft der Mietvertrag aus oder werden bei der Verlängerung die Mietpreise erhöht, heißt es Kisten packen und in die nächste 3-Jahres-Wohnung ziehen. Zwar kann die Mindestvertragsdauer beliebig verlängert werden, doch kann sich der Mieter nicht darauf verlassen. Zudem kann der Vermieter die Miete anheben, indem er einen unbefristeten Vertrag in Aussicht stellt.

Wohlbemerkt, im unbefristeten Altbau
dient der Richtwert vielmehr als Empfehlung
und schon lange nicht mehr als bindende Obergrenze!

Hier gehört eine strafrechtliche Verfolgung her. Aber wo kein Gesetz, da kein Recht.

Altbauten im 5. Wiener Gemeindebezirk (c)Sandra Fleck

Fair und leicht verständliches Mietrecht
Daher sollte dem Vermieter bei Erhöhung der Richtwertmiete eine Strafe drohen. Das ginge mit einem neuen Mietrecht, das fair und leicht verständlich ist für jeden.
Zudem kommt eine rechtliche Vertretung im Bezug auf den Lagezuschläge. Fast jeder Mieter einer Altbauwohnung in Wien bekommt den höchstmöglichen Lagezuschlag zu spüren. Dabei wird allerdings nicht genau geschaut, welche Infrastruktur tatsächlich vorherrscht.

Wohnungssuchende auf Twitter

Es reicht scheinbar in einem der inneren Bezirke zu wohnen. Ob Bildungseinrichtungen, Einkaufmöglichkeiten oder öffentliche Verkehrsmittel anbinden, ist nicht immer gegeben. Ein automatischer Aufschlag sollte daher nicht möglich sein. Auch hier bedarf es einer gesetzlichen Regelung und vor allem Überprüfung derer.

Wohntraum

Eingang zum Eigenheim mit Traumküche (c)Sandra Fleck

Denn wie schön wäre das: Die Traumküche einbauen, die man schon immer haben wollte. Den Balkon nicht mehr gegen eine Wohnung ohne tauschen müssen. Sich mit seinen Nachbarn anfreunden, ohne Angst zu haben sie wieder zu verlieren. Die Kinderplanung entspannt angehen. Oder einfach mal ruhig schlafen – wohlbemerkt, mit Dach über dem Kopf! Das wäre ein guter Anfang!